Interview mit BMW Motorsport Direktor Mario Theissen
?: Herr Theissen, vermissen Sie die Testfahrten in den Wochen bis nach dem
Großen Preis von Ungarn?
BMW Motorsport Direktor Mario Theissen: Nein, uns wird sicher nicht langweilig.
Weder in München noch in Grove werden die Füße hochgelegt. Der weitaus größte
Teil der BMW Fraktion ist von den Testeinsätzen ohnehin nicht betroffen. Zehn
unserer über 200 Mitarbeiter gehören zum Testteam. Daran erkennt man, dass sich
für die meisten in der Testpause der Arbeitsablauf nicht ändert. Bezüglich der
Motorentwicklung werden bei Testfahrten ohnehin nur bestimmte
Abstimmungsarbeiten, Messungen und gelegentlich Dauerläufe durchgeführt. Der
Löwenanteil der Motorentwicklung findet auf den Prüfständen in München statt.
Das sieht bei der Fahrzeug- und Reifenentwicklung natürlich anders aus. Da
läuft das meiste auf der Strecke. Deshalb ist es gut, dass wir diesbezüglich
vor der Testpause einen großen Schritt nach vorn geschafft haben. Für diese
Aufholjagd unter der Belastung und dem Druck einer laufenden Saison ziehe ich
ohnehin den Hut vor WilliamsF1.
?: Wie weit ist der BMW Motor für 2004 gediehen?
Theissen: Wir liegen gut im Zeitplan. Im Vorjahr hatten wir den Motor für die
kommende Saison am 31. Juli erstmals auf dem Prüfstand gezündet. Diesmal ist er
noch ein paar Tage früher erstmals gelaufen. Für die Konstrukteure des Motors
ist das der aufregendste Moment der Saison. Wie im letzten Jahr ging beim
ersten Probelauf alles glatt.
?: Inwieweit hat die Regelung, 2004 mit ein und demselben Motor das gesamte
Rennwochenende bestreiten zu müssen, Einfluss auf die Entwicklung gehabt?
Theissen: Der Einfluss ist durchaus erheblich. Die Regelung bedeutet eine
Verdoppelung der Laufzeit von 400 auf 800 Kilometer. Das heißt, jedes einzelne
Teil muss, wenn man so will, stabiler ausgelegt sein. Das tangiert die
konstruktive Ausführung, die Materialwahl und auch die Herstellungsverfahren.
Dass wir 2003 bereits das zweite Qualifying und die Renndistanz mit einem
Triebwerk bestreiten müssen, war eine gute Fingerübung für den P84.
?: Spart man so Kosten?
Theissen: In der Entwicklung sicher nicht. Im Renn- und Testeinsatz aber schon,
da über die Saison einfach weniger Motoren aufgebaut werden.
?: Wird die WM 2003 über die Reifen entschieden?
Theissen: Die Reifen spielen als letztes Bindeglied zwischen Fahrzeug und
Straße grundsätzlich eine sehr wichtige Rolle. In Zeiten des Monopolismus hat
sich das natürlich kaum auf das Kräfteverhältnis unter den Teams ausgewirkt.
Aber in der momentanen Konkurrenzsituation zwischen zwei Reifenherstellern und
durch das Reglement, das maßgeschneiderte Pneus erlaubt, sieht das ganz anders
aus. Es ist schon beeindruckend, wie viel Verbesserung der Rundenzeit durch die
Reifen zu erreichen ist. Allerdings nützt einem die beste Gummi-Mischung
nichts, wenn der Rest des Paketes mit Chassis, Motor und Fahrer nicht siegfähig
ist.
?: Fehlt Ihnen Ihr Amtskollege Gerhard Berger?
Theissen: Ich finde es immer noch schade, dass er Ende September den Direktor
an den Nagel hängt. Aber ich verstehe und respektiere seinen Entschluss. Wir
stehen weiter fast täglich in Kontakt. Bis zur Vertragsunterzeichnung mit
WilliamsF1 war er ohnehin in die Verhandlungen eingebunden, und auch jetzt ist
er ja nicht aus der Welt. In den gemeinsamen Jahren hat sich eine Freundschaft
entwickelt. Was die bisher von ihm ausgefüllten Aufgaben anbetrifft, hat er
schon Recht, wenn er sagt, das Timing passt gut. Die Aufbauphase liegt hinter
uns. Die Mannschaft, die er mit aufgestellt hat, ist gut strukturiert und
schlagkräftig.
?: Wie sehen Sie die Chancen des BMW WilliamsF1 Teams für die verbleibenden
fünf Grands Prix?
Theissen: Generell sehe ich, dass wir gerade die spannendste Formel-1-Saison
seit Jahren erleben. Die zurückliegenden elf Grands Prix wurden von sieben
verschiedenen Fahrern gewonnen, drei Teams haben Chancen auf den
Konstrukteurstitel, der für BMW als Automobilhersteller natürlich besondere
Bedeutung hat. Wir haben derzeit zehn Punkte Rückstand auf Spitzenreiter
Ferrari. Ein Doppelsieg, wie er uns kürzlich zweimal gelungen ist, bringt 18
Zähler. Ich rechne nicht damit, dass wir im Endspurt der Saison noch so eine
eindeutige Dominanz durch ein Team wie im Vorjahr haben werden. Ich glaube -
und hoffe - dass es 2003 spannend bis zum Schluss bleibt.